…wie warmer Apfelkuchen (Interview mit First Class College)

Emotional berührt, froh, erleichtert und doch sentimental. So zeigten sich die Jung von FIRST CLASS COLLEGE als sie mich zu meinem ersten und ihrem letzten Interview geladen haben.

Am 7. Februar 2015 beendete bei dem Benefiz für Ärzte ohne Grenzen im grazer Explosiv ihre gemeinsame musikalische Karriere. Noch einmal versammelten sich Fans und Freunde der Band, um ihnen die letzte Ehre zu erweisen und noch einmal mit ihnen abzufeiern.

Unterstützt wurden sie dabei unter anderem von großartigen Bands Assaia, So far frome home und Snap DazeD.

Die Band holte mich vor ihrem Auftritt Backstage um das Interview zu führen. Die ganze Atmosphäre wirkte etwas eigen – ausgelassen und locker, ein wenig traurig und ehrlich.

Als erstes musste einfach die Frage gestellt werden, wie man sich fühlt, jetzt wo alles dem Ende zu geht und auch, warum man sich so entschieden hatte. Sie erzählten über den Ärger und die Probleme, mit welchen man sich als österreichische Band umherschlagen muss.

Angefangen bei den Schwierigkeiten die man zu Beginn hatte, um überhaupt an Gigs und Veranstaltungen zu kommen. So erzählte unter anderem ‚Jules Davis‘ davon, wie sie jede Minute ihrer freien Zeit damit verbrachten, sich endlos viele Locations und Veranstalter aus dem Internet zu suchen und anzuschreiben. Das traurige Ergebnis war, dass nur wenige zurückschreiben oder sich überhaupt die Mühe machten, eine Zu- oder Absage zu machen.

Sollten sie eine Zusage bekommen haben, stoßen sie manchmal kurze Zeit später schon auf neue Probleme und Ärgernisse: Condtions. Viele Veranstalter wollen nicht zahlen, dafür geben sie einem Essen und Trinken, wobei es keine Seltenheit war, das bei den Getränken nach dem zweiten Schluss war und sie ab dem dritten selbst dafür aufkommen mussten, was sie wiederum erst bei dem Bestellen der Getränke erfahren haben.

Mit viel Glück, gab es auch bei manchen Auftritten Gagen, wobei 200 Euro schon viel war. Wenn man nun allerdings in Anbetracht zieht, dass von den 200 Euro Gage noch Spritkosten und eventuell auch Geld für Übernachtung abgezogen wird, bleibt für jeden einzelnen der 4-köpfigen Band nicht mehr viel übrig. Zur Gegenüberstellung: Als Musiker investiert man schnell einmal tausende(!) Euro in Equipment, so summiert sich bei einer 4-köpfigen Band, in welcher jeder auch aktiv ein Instrument spielt, bereits um die 7.000-10.000 Euro.

Da erscheint es um so ärgerlicher, wenn man sich auch mit seriösen Veranstaltern wie einem landesweitem Rundfunkanbieter[*] um 200 Euro Gage streiten muss.

Trotz all der Ärgernisse, gab es auch verschiedenste schöne Erlebnisse. Ob es nun ein Auftritt vor wenigen Leute waren, mit denen sie anschließend die Nacht durchfeierten, oder vor mehreren tausend Leuten wie beim Holi-Festival in der Grazer Messehalle. Letzteres erwähnte sie immer wieder – unter anderem nannten sie es eine Geschichte, die sie noch ihren Enkelkindern erzählen werden.

Sie führten in ihrer Laufbahn als Musiker verschiedenste Interviews mit unterschiedlichen Magazinen und Plattformen. Manchmal fanden sie es ärgerlich, dass sie das fertige Interview nicht vor der Veröffentlichung lesen konnte. So erschien FIRST CLASS COLLEGE es vor kurzem auf der Titelseite eines Jugendmagazins. Die Schlagzeile zu ihrem Bild auf der Titelseite lautete „Groupies sind bei uns erlaubt“, jedoch kann sich keiner der Band daran erinnern, diese Aussage je getätigt zu haben. Zum Teil fanden sie es amüsant, bis auf diejenigen der Band, die dadurch etwas Stress mit der Freundin bekommen haben.

Sie erzählten, dass es ein ‚Running-Gag‘ der Band war, bei jedem Interview anzugeben, dass sie alle Single sind. In Wirklichkeit trifft das schon lange nicht mehr auf die ganze Band zu, da einige von ihnen mittlerweile glücklich vergeben sind.

Wir wechselten das Thema wieder zurück zur österreichischen Musikszene. Auf die vielen Fragen, was sie jungen Bands raten und wie es in Österreich mit Erfolg aussieht, ergab sich ganz schnell, dass es so etwas in Österreich nicht gibt. Wenn man nicht gerade einen Freund bei einem landesweiten Rundfunk[*] hat oder in der richtigen Booking Agency ist, hat man wohl so gut wie keine Chancen, irgendwie erfolgreich zu werden. Man muss es als Hobby sehen, welches den Leuten Spaß machen sollte, wenn man sich darauf versteift, dass man etwas in Österreich erreichen will, dann bekommt man schnell einen Faustschlag ins Gesicht.

Zudem sei es schwer, die Leute dazu zu bewegen, zu einem Konzert von Bands zu gehen, welche sie nicht kennen. Sie nannten unter anderem das Beispiel eines Gigs in Berlin, wo sie bis dato wirklich unbekannt waren. Das erstaunenswerte an diesem Auftritt war, dass, eben obwohl sie fast keiner kannte, Massen an Menschen in den Club strömten, einfach nur um eine Band live zu sehen. Vielleicht sogar eine Band, für die sie in Zukunft mehrere Euro Eintritt zahlen müssten. Schließlich haben auch Bands wie AC/CD, Blink 182, Green Day vor wenigen Leuten in kleinen Clubs angefangen. FIRST CLASS COLLEGE erzählten, dass die Musikszene im Ausland eine ganz andere als in Österreich ist. Leute gehen noch gerne auf Konzerte, was in Österreich immer weniger der Fall wird. Man wird auch nicht gefragt, ob sie nicht etwas von einer bekannteren Band spielen können, da jedem klar ist, dass es eine Band mit eigenen Liedern ist, und genau das ist es, was sie hören wollen.

Scherzhaft und doch mit einem ernsten Hintergrund würden sie jungen Bands raten, sich ein anderes Hobby zu suchen, da selten etwas so teuer wie Musik ist. Sollten sich junge Menschen doch dazu entscheiden, eine Band zu gründen, dann sollten sie es wirklich als das sehen, was es ist: Ein Hobby.

Ein Hobby wie Kampfsport, Motorradfahren oder Angeln.

Es gibt keine Konzerte mehr, bei welchen ein Manager oder Producer im Publikum steht und eine Band entdeckt. Sollte sich jemand bei einem vorstellen, dann meistens um sich am privaten Geld der Band zu bereichern. Der junge Leute einredet, dass sie unbedingt eine CD in seinem Studio aufnehmen müssen, damit sie sich verbreiten und promoten können.

FIRST CLASS COLLEGE sah in all den Jahren nie einen Sinn darin, eine CD aufzunehmen da sie stets der Meinung waren, dass sie die Kosten für die Aufnahmen und Produktionen mit dem Verkauf nicht wieder hereinholen können. Eine günstig aufgenommen EP ist oft vorteilhafter, als eine teuer produzierte CD. Zumal das finanzielle Risiko bei einer EP geringer ist.

Wichtig sei es, dass Bands viel Zeit in Promotionen stecken, fast mehr Zeit als in das Proben und Spielen selbst. Denn wenn man immer nur Konzerte spielt und es niemand weiß, wer soll dann zu den Auftritten kommen? Bandcontests sind eine gute Möglichkeit, Kontakte zu anderen Bands zu knüpfen um mit diesen Auftritte auszumachen, jedoch ist ein Bandcontest nicht unbedingt das Sprungbrett zur Karriere. Leider ist es bei den meisten Bandcontests in Wirklichkeit so, dass man sich seine Stimmen entweder kauft, oder jemand aus der Jury kennt, der will dass man weiterkommt. Sollte man letzteres nicht haben, so stehen die Chancen oft hoch, dass eine andere Band Freunde in der Jury hat und für einen selbst einen selbst die Chancen gering, im Wettbewerb weiteraufzusteigen.

Bandcontests sind eben ein gegenseitiges Beschnuppern der Bands und ein eruieren, welche einem sympathisch sind um mit diesen an weitere Gig zu kommen und so seine Fan Base und Reichweite zu steigern.

Zudem sollte man sich auch nicht davor scheuen, im Ausland aufzutreten, da es einen immer wieder ein gutes Gefühl gibt, einen solchen Auftritt zu spielen.

Was ihnen an der österreichischen Musikerszene störte war unter anderem, dass viele Leute falsch waren. Sie erzählten, dass sich Bands oft gegenseitig ein Messer in den Rücken rammen oder sich gegenseitig hochloben und hinterrücks nur das Schlechteste vom Schlechten übereinander behaupten.

Es gibt wirklich wenige Bands, mit denen sie sich in all den Jahren wirklich angefreundet haben und von denen sie mit Stolz behaupten, dass sie ihre Freunde und aufrichtige Leute sind. Unter anderem sind das die Bands, mit welchen sie an diesem Abend bei ihrem letzten Konzert aufgetreten sind, da unter anderem keiner auf eine Gage aus ist und sämtliche Einnahmen an die Organisation ‚Ärzte ohne Grenzen‘ gegangen sind. An diesem Abend sind unter anderem die Bands SnapDazeD, Assaia und So far frome home gemeinsam mit ihren Freunden FIRST CLASS COLLEGE aufgetreten.

Dies sind alle Gründe, welche sie dazu bewegte die Entscheidung zu treffen. Man erwähnte, dass man gegen Ende schon gar nicht mehr gemeinsam proben wollte. Sie organisierten ihre Proben über eine WhatsApp Gruppe, und so geschah es, dass jeder sich dachte ‚Ich schreibe nichts, vielleicht proben wir dann heute nicht‘ und sie somit mal über einem Monat keine Probe mehr hatten. Vermutlich verfällt irgendwann die Energie, wenn man Musik auf einem solchen Niveau betreibt. Obwohl se musikalisch top sind, muss man anmerken, dass leider keiner von ihnen auf der Bühne alles geben konnte was er kann, da es einfach nicht in ihre Musikrichtung und ihren Stil passt. Ihr Stil ist dieser amerikanische Pop-Punk, weswegen sie sich auch die Namen Jules Davis (Gitarre & Gesang), Alex McCoy (Gitarre), Adrian Evans (Bass) und Domi Parker (Drums) zulegten. Es war dieses amerikanisieren und dem treu bleiben des Stils, was sie unter anderem ausmachte.

Es wurde im Laufe des Interviews immer mehr getrunken und mit den anderen Bands gefeiert. So wurden leider auch meine Notizen immer unleserlicher, weswegen ich nicht mehr viel entziffern kann.

Kurz nach Ende des Interviews betraten FIRST CLASS COLLEGE noch ein letztes Mal die Bühne und verdammt, sie gaben wirklich alles. Es war ein letzter unglaublich guter und emotionaler Auftritt. Sie brachten die Leute zum feiern und pogen. Für das letzte Lied holten sie noch ein ein paar Leute aus dem Publikum und andere Bands auf die Bühne um sich noch einmal mit ihnen gemeinsam zu verabschieden und sich somit stellvertretend bei allen Bands, Musikern und Fans zu bedanken, die sie all die Jahre begleitet und ihnen so eine unvergessliche Zeit mit höhen und tiefen bereiten haben.

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Es war eine schöne Zeit.

Ich empfing die Band noch ein letztes mal am Bühnenabgang und fragte alle, was sie jetzt angehen werden. Sie meinten, dass sie sich erstmal zurückziehen werden und jeder sein eigenes Ding machen will, unter anderem spielt auch der eine oder andere mit dem Gedanken, generell mit der Musik aufzuhören. Jedoch ist die Musik mittlerweile ein großer Teil von ihnen und es wird wohl nicht so leicht werden, von nun an nicht mehr aufzutreten.

‚Adrian Evans‘ dazu: „Wer weiß, vielleicht treten wir irgendwann wieder als FIRST CLASS COLLEGE auf. Vorverkauf startet morgen!“ Er merkte an, dass es definitiv Sarkasmus sei und dass dieses Kapitel mit dem heutigen Abend beendet wurde.

Auf die Frage, wie sie sich fühlen und wie sie ihre Karriere und Musik über all die Jahre zusammenfassen würden, kam von allen Seiten dieselbe Antwort: „Wir fühlen uns etwas traurig, dass das alles vorbei ist, es war eine schöne Zeit, dennoch sind wir froh darüber und es ist auch irgendwie eine Erleichterung. Anfang wird es seltsam am Sonntag frei zuhaben, da wir bisher jeden Sonntag probten. Es wird alles ein seltsames Gefühl mit sich tragen, doch es ist eine Entscheidung und ein Entschluss, welchen wir machen mussten und gemacht haben. Auf deine Frage, wie wir unsere Karriere und Musik im Laufe der Jahre zusammenfassen würden um es mit einem Gefühl zu beschreiben, dann gibt es nur eine Antwort: Unsere Musik ist wie warmer Apfelkuchen…“

[*] Aus rechtlichen Gründen will ich keine Namen nennen, aber denkt euch euren Teil.

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