NOVAROCK – Tag 3

Nachdem es in der Nacht noch wie aus Eimern zu regnen begonnen hatte, weichte sich der Boden des Festivalgeländes langsam auf. Dennoch antwortete ich auf eine SMS, die ich zu Mittag bekam, dass man keine Gummistiefel brauchen wird, es würden lochfreie Schuhe komplett ausreichen. Zum Glück hatte ich recht, denn das Wetter blieb bis nach den Red Hot Chili Peppers einigermaßen stabil. Zwar regnete es am frühen Abend noch ein wenig, jedoch kam dieser Regen einem Nieseln gleich, so dass die Veranstaltung nicht ins Wasser fallen musste.

Ich rappelte mich am späten Vormittag auf, um mir nicht nur den Klassiker am NOVAROCK Wendi’s Böhmische Blasmusik, sondern auch den direkten Act danach anzusehen, welcher sich episch klingend Dragony nannte.

 

Dragony

Die Mitglieder der Power Metal Band aus Wien ließen ihren Auftritt so episch als möglich wirken. So ragte von ihrem Banner ein riesiger Drache und sie betraten mit Game of Thrones Manier die Red Stage des NOVAROCK. Mit durchdachten und zusammenpassenden Bühnenoutfits, legte die 6-köpfige Band gleich los.

Bewaffnet mit Keyboard, Drums, Bass, zwei Gitarristen und einen Sänger zog uns die Band durch eine abenteuerliche Reise voll Mystik, Äxten und Schwertern. Beeindrucken konnten sie nicht nur mit Gitarrensolos, sondern auch mit einer unglaublich sauberen Stimme, die eine ordentliche Klangfarbe besitzt. So waren für Sänger Siegfried „The Dragonslayer“ Samer hohe Stimmlagen keine große Herausforderung und we konnte diese ohne weiteres halten und variieren, ohne auch nur einen Ton daneben zu liegen. Während viele andere Sänger laut in das Mikro schreien um eine hohe Stimmlage herauszupressen, konnte Siegfried Samer diese scheinbar mit einer lockeren Leichtigkeit aus seinen Stimmbändern holen.

Quelle: Facebook
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Ebenfalls in ihrer Setlist fand man eine Coverversion des beinahe schon totgespielten David Hasselhoff Songs True Survivor. Was man allerdings bei der Version von Dragony hervorheben muss ist, dass sie die Grundmelodie des Liedes erkenntlich beibehielten und dennoch ihren Power Metal mit ins Spiel bringen konnten. Auf diese Art und Weise konnte man das Lied auch noch Mal hören, obwohl manche es bereits so gut als möglich zu meiden versuchen.

Dragony erklärten zum Abschluss, dass sie Nerds wären und wie es sich für echte Nerds gehört, sollte man auch mit einem passenden Lied aufhören. Nichts wäre also passender gewesen, als ein Lied zu spielen, welches auch zu ihrem Intro von Game of Thrones passte. Ihre Auswahl fiel auf den 2015 erschienen Song Wolves Of The North, welcher einen wahrlichen Ohrwurmcharakter hat und die Melodie dem Zuhörer deswegen auch nur sehr schwer nach dem ersten Refrain wieder aus dem Kopf geht und sich dort festsetzt. Eigentlich beinhaltet der Song alles, was ein epischer Song braucht. Ein guter Aufbau auf den Refrain, eine catchy Melodie und einen instrumentalen Part, der anfänglich ruhig startet und sich dann immer weiter aufbaut, bis er schließlich in einem Gitarrensolo endet.

Dragony waren eine starker Start in den Tag und konnten auch eine hohes Level für die nachfolgenden Bands vorlegen.

 

LIAN

Am späteren Nachmittag wartete ich sehnsüchtigst vor der Red Bull Brandwagen Stage auf LIAN, welche ich bereits im Herbst 2015 als Support von Itchy Poopzkid im PPC in Graz erleben durfte.

Erst vor ein paar Tagen hatten sie ihre Releaseparty anlässlich des ersten Albums hinter sich gebracht. Beeindruckend daran ist, dass die Band, obwohl sie in dieser Form noch relativ neu auf dem Markt sind, bereits das Chelsea im Vorverkauf ausverkaufen konnten, weswegen ich umso gespannter auf ihren Auftritt am NOVAROCK war.

 

Eines muss man bei LIAN vorweg sagen: Es ist sicher keine 3-Akkord-Mitgröl-Band. So sind ihre Lieder doch recht vollgestopft mit schnellen Texten, echohaften Wiederholungen und zackiger Aussprache. Ebenfalls sind ihre Songs instrumental sehr technisch, worauf scheinbar auch der Schwerpunkt liegt. Dadurch wirkt der Gesang nicht nur als Gesang, sondern auch als ausgezeichnete Ergänzung der instrumentalen Leistung der Band.

Was jeden einzelnen der 3 Musiker betrifft, so merkt man, dass  jeder sehr gut mit seinem Instrument umgehen kann. Sie sind exakt und treffen die Energie jeder Nummer mit jedem Anschlag der Saiten oder des Drumfells ganz genau. Als sehr gut eingespielte Band zeichnete sie nicht nur das Zusammenspiel aus, sondern auch die Pausen, die sie in manche Lieder einbauten. So konnte man in den geplanten Pausen keinen Ton von einem der Drei Bandmitglieder hören bis sie wieder auf den Punkt genau einsetzen konnten.

Während sich nur wenige in der ersten Reihe befanden, fand man mit etwas Abstand viele Festivalbesucher, die sich die Songs reinzogen und auch die Melodien der Band genossen. Da die Red Bull Brandwagen Stage ein eher breites als längliches Gelände hatte, breiteten sich die Leute so auch mehr zu den Seiten aus. Der Abstand zur ersten Reihe erklärte sich ganz leicht dadurch, dass der Sound vor der Bühne nicht optimal gemischt war und die Stimme des Hauptsängers Phil immer etwas unterging. Wer allerdings bemerkte, dass der Sound wie so oft in der Nähe des Tontechnikers am Besten ist, der konnte das Konzert auch in vollen Zügen genießen.

Nach dem Konzert stellten sich LIAN für ihre neugewonnen und altbekannten Fans noch für Fotos und Unterschriften zur Verfügung und fanden sich später ebenfalls bei anderen Bands bei den zwei Hauptbühnen ein.

 

NOFX

Unmittelbar nach LIAN wurde es dann schon Zeit sich näher an das Gelände der Blue Stage zu begeben, da dort in kürze NOFX anfangen würden, die die Zuseher auf ihre wunderbare Art und Weise zu verarschen wussten.

Bereits in der Aufbauphase konnte man erkennen, wie NOFX drauf sind. Dort, wo bei anderen Bands ein riesiges Banner hängt, befand sich bei NOFX nur ein wirklich winziges gelbes Banner, welches gerade mal ihren Namen beinhaltete. Genauso minimal wie ihre Banner war auch ihre Bühnendekoration. Während andere Bands mit einer eigenen Lichtanlage und Videomonitore anreisten, überzeugten NOFX mit reinem Fun-Faktor, der sich jenseits der 10 von 10 möglichen Punkten befand.

„What? This is not Germany?“ – El Hefe

Immer wieder scherzten sie über ihr eigenes Alter und ihr Aussehen und wenn sie sich nicht gerade über sich selbst amüsierten, wussten sie das Publikum mit Aussagen wie „What? This is not Germany?“ aufzuziehen. Jeder Satz von NOFX traf den Zuhörer genau so exakt wie ihre Songs. Es war alles durch die Epochen ihrer Bandgeschichte vertreten. Während man sich bereits beim Bassintro von Stickin In My Eye auf einen Pogo freute, konnte man sich bei Fuck the Kids bereits wieder an einer  Mitsinghymne ergötzen.

Quelle: Facebook
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NOFX boten mit einer simplen gehaltenen Musik und einer schlichten Bühnenperfomance, die primär aus Witzen für beziehungsweise über das Publikum bestand, eine Stimmung aufbauen, wie es keine zweite Band auf diese Art und Weise kann. Auch merkte man ihnen an, dass sie selbst auf der Bühne beim Spielen ihrer Lieder offensichtlich selbst einen Haufen Spaß hatten und ständig von einer Seite zur anderen tanzten.

Wer bereits am Vortag dachte, dass Zebrahead gut gealtert waren, der konnte sich bei NOFX nochmals einen Nachschub holen, so befinden sich sämtliche Mitglieder der 1983 gegründeten Punk Rock Band bereits um die 50 und sind, soweit man das beurteilen, nur optisch wahrlich gealtert. Ihre Präsenz auf der Bühne lässt sie noch immer so jung erscheinen, als hätten sie sich gerade erst zusammengefunden, da sie nur so vor Energie strotzen.

Bezüglich ihres Alters machte Sänger Fat Mike eine dankende Bemerkung an Twisted SisterThanks to Twisted Sister that they play at this festival. Now we are not the oldest people here.” was von Gitarristen El Hefe mit einem “Don’t say that, they’re not gonna take it.”, ergänzt wurde.

 

Twisted Sister

Da war es auch kein Wunder, dass sich NOFX noch vor Beginn von Twisted Sister bereits bei der Red Stage eingefunden haben, um sich dieses Konzert mitanzusehen. Da sich Twisted Sister gerade auf ihrer Fourty and Fuck It genannten Abschiedstournee befanden, war es auch für viele die letzte Möglichkeit, die Band noch einmal live zu sehen. Nicht nur NOFX fanden sich für Twisted Sister ein, auch Zebrahead, welche sich noch immer auf dem Festival befanden, sahen sich gemeinsam mit den Red Hot Chili Peppers die Show an, wobei sich die RHCP bereits etwas früher von Twisted Sister verabschieden mussten, da sie unmittelbar nach dem Ende auf der Red Stage ihren Auftritt auf der Blues Stage starteten.

Twisted Sister holten von Anfang an nochmal alles aus ihnen raus, was die Fans abverlangten. Wer die Band kennt, dem ist klar, dass sie früher mit ihren Outfits nicht wirklich in diesen Glam Rock/Metal Bereich einzuordnen waren, da sie sich damit primär über die Art und Weise, sich so übertrieben zu stilen, amüsierten. Auf der Bühne hatte man den Eindruck, dass sie ein wenig aus allen Epochen ihrer Bandgeschichte zusammengetragen hatten. So erinnerten die Bühnenoutfits an 70er, 80er sowie teilweise an die modernen Rock und Metal Bands.

„Fuck Yeah!“ – Dee Snider

Um das Publikum anzuheizen forderte Sänger Daniel „Dee“ Snider das Publikum und auch die VIP Tribüne zuerst zum nachrufen der Worte Hell Yeah auf, was ihm aber schnell zu abgedroschen wurde und er sich darüber beklagte, dass ohnehin jede TV-Band ein Hell Yeah von sich gibt. Er will nun ein dezentes „Fuck Yeah“ von den Zusehern hören, was die Leute natürlich noch mehr motivierte als eben jenes abgedroschene Hell Yeah. Mit diesen zwei Worten scherzte und spielte sich Dee Snider immer wieder mit dem Publikum und meinte im Spaß sogar, dass er seine Band so nennen sollte, da es die Leute scheinbar lieben, diese Worte zu rufen.

Immer wieder bedankten sich Twisted Sister bei den Fans, da ohne sie nicht solche unglaublichen Veranstaltungen möglich wären und es auch nie Bands wie Black Sabbath oder AC/DC gegeben hätte, geschweige denn sie sich nicht durch irgendwelche Idioten einschüchtern lassen, die solche Rock und Metal Veranstaltungen verhindern wollen. In diesem Kontext sprachen sie die Ereignisse in Orlando und Paris, aber ebenso auf die täglich durch Terrorismus sterbenden Menschen im Nahen Osten an und stimmten gemeinsam mit dem Publikum ihren Hit We’re Not Gonna Take It an. Während des Songs forderten sie die Leute auf, ihre Mittelfinger zu heben um ein Zeichen zu setzen, was man von dem ganzen Terrorismus und der Unterdrückung hält.

Des Weiteren wurde während ihrer Show ihren 2015 verstorbenen Drummer Richard Teeter gedenkt. Um die Abschiedstournee zu Ende zu spielen, sprang spontan Mike Portnoy ein, welcher bereits in unzähligen anderen Bands tätig war und mit ihnen zusammenarbeitete. Unter anderem ist er auch ein Gründungsmitglied von Dream Theater.

Beendet wurde das letzte Österreichkonzert von Twisted Sister mit drei Nummern die es in sich hatte. Zuerst spielten sie die Hymne I Believe in Rock’n’Roll, welcher der Klassiker I Wanna Rock folgte und schlussendlich in S.M.F. und einem wahren Feuerwerk auf der Bühne endete. Doch damit war es für die Fans noch nicht vorbei.

Während sich Twisted Sister bereits verabschiedet haben und ihre Bühnendekoration bestehend aus mehreren Gitarrenverstärkern abgebaut wurde, stimmte das Publikum noch einen nicht enden wollenden We’re Not Gonna Take It Chor an, welcher selbst dann nicht endete, als sie von den Securtity aus dem Wavebreaker entfernt worden waren. So zog sich der Chor der Twisted Sister Fans über das ganze Festivalgelände bis hin zur Blue Stage, auf welcher gerade die Red Hot Chili Peppes mit ihrer Performance loslegten und massenweise Leute angezogen hatten. Es gab selbst in den hinteren Reihen fast kein Durchkommen durch die Menschenmassen mehr, da alles so dicht aneinander stand um, wenn möglich, noch einen kleinen Blick auf die Band zu erhaschen, welche sich spielerisch unglaublich stark jedoch etwas Publikumsscheu zeigte.

Alles in allem waren für mich Twisted Sister die wahren Headliner des Tages, auch wenn die Red Hot Chili Peppers ihnen spielerisch in nichts nachstanden. So konnte mich persönlich doch die Energie der Band, welche seit 40 Jahren auf Tournee ist, noch am meisten mitreißen und in ihren Bann ziehen.

Danke Twisted Sister!

 

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