NOVAROCK – Tag 2

Weiter ging es am Samstag. Wenn man durch die Wege des Campingareals ging, konnte man immer wieder aus den Lautsprechern von Radios der Festivalbesucher die Headliner und Acts des letzten Tages erklingen hören. Meistens war es die EAV, die sich die Leute aussuchten. Wer bereits wieder fit war, der machte sich auf den Weg zur Bühne um sich Viech und Krautschädel anzusehen, wer allerdings noch vom Vortag fertig war, der chillte spätestens bis Zebrahead und war am späteren Nachmittag wieder einigermaßen Ready to Rock!

Zebrahead

Der erste Gedanke: Ach du Schande, sind die alt geworden!

Aber ja, was soll man sich auch von einer Punk Rock Band erwarten, die bereits 1996 gegründet und sich 2002 auf dem unvergesslichen Tony Hawk’s Pro Skater 3 Soundtrack mit ihren Song Check wiederfanden? So sind die Mitglieder der Band doch schon über 40, einzig Leadgitarrist Dan Palmer, der sich erst seit 2013 in der Band befindet, ist noch unter der 40er Marke.

Das bedeutet aber nicht, dass sie mit ihren Rap Punk nicht mithalten können. Davon wurden jedenfalls die Besucher des Konzertes überzeugt. Das Punk Rock die Musiker gut altern lässt, ließ sich vor allem an der Stimme und der Ausdauer von Ali Tabatabaee erkennen, welcher trotz einer ausgiebigen Bühnenperfomance noch immer genügend Atem hatte, um ohne Probleme die Rhymes der Lieder herunter zu rappen.

Quelle: Facebook
Quelle: Facebook

Musikalisch spiegelte die Band ihre Bühnenerfahrung sehr gut wieder, jedoch ging weiter hinten am Gelände aufgrund eines starken Windes die Qualität des Sounds ab und zu ein wenig verloren, was der Stimmung des Konzerts auch in den hinteren Reihen jedoch nichts anhaben konnte. Wer sich einmal zu bewegen begonnen hatte, der hat dies auch bis zum Ende des Konzertes durchgezogen.

Was die Band aber neben ihrer Setlist, die altbewährtes und bekanntes beinhaltet, sympathisch machte, war die Nähe zu den Festivalbesuchern, welche sie nach Ende ihres Auftritts zeigte. Zebrahead scheuten sich nicht, einfach in der Masse unterzutauchen und sich die Bühne auch aus der Sicht der Besucher anzusehen. Wer sich zur rechten Zeit am rechten Ort befand, konnte gemütlich mit den einzelnen Mitgliedern der Band ein oder zwei Bier trinken, diese zeigte sich auch äußerst gesprächig und gesellte sich auch zu den Tischen, um sich mit den Leuten weiterunterhalten zu können.

 

Steve’n’Seagulls

Vielen wird diese Band auf Anhieb nichts sagen, außer dass sie sich nach einem Schauspieler benannt haben. Jedoch haben bestimmt die meisten Festivalbesucher des NOVAROCK bereits einmal eines ihrer Videos bei verschiedensten Internetplattformen wie YouTube, Facebook oder Twitter gesehen. Einen Namen machten sie sich unter anderem mit den Videos ihrer Hillbilly Coverversionen von AC/DC‘s Thunderstruck oder auch Iron Maiden’s The Trooper.

 

2012 in gegründet, erreichte die Band bereits 2014 den ersten großen Durchbruch aufgrund  ihrer Musikvideos, die bereits tausende Male geteilt und mehrere Millionen Male angesehen wurden. 2015 veröffentlichten sie ihr erstes Studioalbum Farm Machine auf welchem sich ebenfalls Tracks von DIO, Guns N‘ Roses und Metallica befanden.

Bei ihrem Auftritt am NOVAROCK präsentierten sie schließlich eine Zusammenfassung ihres Albums und überraschten auch viele Besucher, die sich nur zufällig vor der Bühne befanden. Den Anfang machten sie mit der Mitgrölhymne Paradise City, auf welche  Nitghtwish’s Wishmaster und Dio’s Holy Diver folgten. Jede von ihnen interpretierte Nummer wurde mit dem Herkunftsland der Band angekündigt, und so folgte schließlich ein Lied aus England, welches laut Sänger Remmel womöglich etwas mit einer Armee zu tun hätte – The Trooper.

Mit seichten Humor unterhielten sie das Publikum während der Liedpausen, konnte nach diesen aber immer wieder mit den Interpretationen ihrer Lieder punkten und die Stimmung aufheizen, bis sich das Konzert schlussendlich in Thunderstruck und Born to be Wild Chören auflöste. Steve’n’Seagulls boten wirklich eine angenehme Abwechslung auf einem Festival, jedoch sollte es an diesem Tag auf der Red Stage generell eher ruhiger weitergehen. Es folgten ihnen noch Alligatoah, Seiler und Speer sowie Cypress Hill.

Andere zog es allerdings zum Auftritt einer wahren Legende, doch zuvor begeisterte noch eine weitere Band das Publikum vor der Blue Stage.

 

Dropkick Murphys

Ich muss gestehen, ich hab mich nie intensiv mit dieser Band beschäftigt. Jeder hat jeder seine Lieblingsbands und nicht jeder kennt dieselben, selbst wenn sich diese bereits einen internationalen Namen erspielt haben. So ähnlich erging es mir mit den Dropkick Murphys. Natürlich sind sie mir nicht ganz unbekannt und ich kenne doch die bekanntesten Nummern von ihnen so gut, dass ich zumindest den Refrain mitsingen kann, aber dennoch bahnte sich mein Weg noch nie auf eines ihrer Konzerte. Diese Tatsache wird sich nun, nach dem Auftritt am NOVAROCK, ändern.

Bereits bevor die Dropkick Murphys zu spielen begannen, war der Wavebreaker aufgrund des großen Ansturms an Leuten gesperrt worden. Es fanden sich primär Fans von den Dropkick Murphys im vorderen Bereich der Bühne ein und es standen bereits weitere tausende Besucher bis nach dem Technikturm in der Mitte an, um einen Blick auf die Band erhaschen zu können.

Auch wenn die Band visuell nicht viel zu bieten hatte, konnte sie mit ihren Liedern die Stimmung eines kleinen Pubs erwecken, in welchem man sein Lieblingslied immer wieder mitgrölt und auf die Tische springt und tanzt. Das kleine Pub war in diesem Fall das Gelände der Blues Stage des NOVAROCK, bei welchem die Leute aus allen Ecken die Refrains der Band mitsangen und mitschwanken. Die Tische waren die Besucher, über welche sich Crowdsurfer tragen gelassen haben. Wer sich das Spektakel von weiter hinten betrachtet hatte, der kann nur bestätigen, dass sich im Wavebreaker alles bewegte, was sich bewegen konnte. Kleinere Tanzkreise bildeten sich auch außerhalb des direkten Bereichs vor der Bühne. Man konnte nur noch schwer eine Stelle finden, an der nicht irgendwie getanzt wurde.

Vermutlich erging es noch anderen Leuten wie mir, da sich eine solche Möglichkeit, eine bis dato unbekannte Band anzusehen und sich die ersten Eindrücke zu holen, bei einem  Festival einfach gegeben ist und sich auch immer wieder ergeben wird. Die einzelnen Lieder der Dropkick Murphys hielten sich zwar alle starr an ihrem Folk Punk Stil fest, was der Atmosphäre allerdings eher zu Gute kam, anstatt das Konzert einseitig wirken zu lassen.

Als der Auftritt vorüber war, und einige Besucher den Wavebreaker wieder verließen, wurde dieser für die Fans von Alice Cooper freigegeben und obwohl das bereits mein fünftes Konzert von Alice Cooper gewesen sein wird, sollte es diesmal anders werden….

 

Alice Cooper

Es war tatsächlich das erste Mal, dass ich Alice Cooper auf einem Festival live zu Gesicht bekam, denn ansonsten genoss ich immer die volle Dauer seiner Show auf den einzelnen Konzerten die über  2 Stunden dauern. Das Festivalset von Alice Cooper bestand, so wie bei den meisten anderen Bands, aus knapp 90 Minuten, was der Show allerdings nicht Schaden sollte.

Begonnen wurde mit dem bei vielen beliebten Titel Black Widow. Es folgte ein Klassiker nach dem anderen und der neuste Song den sie spielten, war Woman of Mass Distraction, welcher sich auf dem 2005 erschienen Album Dirty Diamonds befand. Alice Cooper kam mit wenigen Publikumsgesprächen aus, konnte so jedoch gut 23 Hits unterbringen die alle zusammen eine Geschichte erzählten.

Wer Alice Cooper kennt, dem ist bewusst, dass seine Setlist immer eine gewisse Geschichte erzählt und ebenfalls die Show, obwohl es sich um eine Best Of seiner verschiedensten Auftritte handelte, einen gewissen Ablauf verfolgt.

 

So wurde an diesem Abend eine etwas sadistische Liebesbeziehung zwischen einem Wahnsinngen und seinem Zwang der Unterdrückung seiner geliebten erzählt. Diese führte ihn über die Erschaffung eines Monsters weiter in eine Irrenanstalt, bis es schließlich zur bekannten Hinrichtung durch die Guillotine kommen sollte. Allerdings kann Alice Cooper nicht sterben und nimmt immer wieder an seinen Henkern Rache. So erwachte er kurz darauf auf dem Leichenbett wieder zum Leben und rächte sich an jenen, die ihm selbst um das Leben berauben wollte. All dies wurde passend mit seiner Musik unterlegt und bot eine unglaubliche Atmosphäre.

Ebenfalls zu erwähnen sind seine Musiker, die nicht nur optisch sondern auch spielerisch beeindrucken konnten. Neben den altbekannten Gesichtern wie Chuck Garric (Bass), Glen Sobel (Drums), sowie Ryan Roxie und Tommy Henriksen (Gitarre) konnte man an diesem Abend ebenfalls die unglaubliche Gitarristin Nita Strauss begrüßen, welche seit 2 Jahren mit Alice Cooper auf Tournee ist. Diese konnte das Publikum zwischen den Songs mit atemberaubenden Gitarrensolos beeindrucken, zu welcher sie auch wunderbar verschiedenste Gefühle mit ihrer Mimik und Gestik zum Ausdruck bringen konnte.

 

Als schließlich Alice Cooper wieder von den Toten auferstanden war und seine Rache genommen hatte, nahm das Konzert selbst für einen Fan wie mich eine überraschend stark emotionale Wendung. So endete der Part dieser Show mit I Love the Dead, worauf der Banner im Hintergrund verändert wurde und sich nach und nach verschiedenste Teile des Banners enthüllten. Allesamt enthielten sie Grabsteine mit Geburts- und Todesjahr von Musikern und zu jedem dieser Musiker, spielte Alice Cooper immer einen Coversong des jeweiligen Interpreten. Den Anfang machte Keith Moon, der Drummer von The Who. Ihm zu Ehren spielten sie Pinball Wizard. Weiter ging es mit dem enthüllen des Grabsteins von Jimi Hendrix, welcher mit seinem Song Fire geehrt wurde. Als sich als dritter Grabstein David Bowie enthüllte, konnten viele Fans schon ahnen, welche Namen sich darauf befanden. Es waren allesamt Namen von befreundeten Musikern von Alice Cooper.

All my dead drunk friends – Alice Cooper

Als sich der letzte Grabstein enthüllte, drückte es mir wahrhaft Tränen in die Augen. Zuletzt wurde mit Ace of Spades die Legende Lemmy Kilmister geehrt. Den Gesang übernahm zum Großteil der Bassist Chuck Garric, welcher eine unglaubliche tiefe und raue Stimme aus seinen Lungen pressen konnte.

Als der letzte Song dieses Tributes vorüber war, sagte Alice Cooper das emotionalste, was man in einen solchen Moment sagen konnte: „All my dead drunk friends“. Es folgte die Nummer I’m Eighteen, mit welcher man den Eindruck bekam, dass es wohl sehr hart sein muss, in diesem Augenblick Alice Cooper zu sein, da er scheinbar seine ganzen Freunde überlebt. Dennoch kann fast kein anderer Musiker Covers dieser Interpreten so echt rüberbringen wie es Alice Cooper konnte, was vermutlich auch daran liegt, dass er alle von ihnen persönlich kannte und dass alle von ihnen seine Freunde gewesen waren.

Das Konzert endete vorerst mit dem eindeutigen Zeichen, dass es nun mit School’s Out vorbei ist. Jedoch gab es noch eine kleine Zugabe für die Besucher, die, wie es bei Alice Cooper üblich ist, eine Nummer ist, die nicht zu hundert Prozent in die Show passt und unter Umständen auch etwas noch kritischer angehaucht war. In diesem Fall war es Elected, bei welcher im Hintergrund eine Flagge von Amerika gehisst wurde und sich eine Donald Trump und eine Hillary Clinton Figur auf der Bühne einen kleinen Kampf boten.

Am Ende überließ uns Alice Cooper mit einem merkwürdigen Gefühl. War man froh, eine solche Show gesehen zu haben, blieb doch ein wenig der Hintergedanke, wer ist eigentlich Alice Cooper und wie geht es ihm dabei, alles und jeden zu überleben. Wie es auch kommen mag, es war wohl nicht nur die emotionalste Show von Alice Cooper, sondern allgemein das emotionalste Konzert, welches ich je erleben durfte.

 

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