Die Musik, der Lendwirbel und ich. (Lendwirbel 2015 als Zuhörer)

Es ist alle Jahre dasselbe, kaum kommt der Sommer, beginnt die schöne Zeit der Straßenmusiker. Es spielt beinahe keine Rolle, in welcher Stadt man sich befindet, überall trifft man auf Musiker, welche für ihr Brotgeld spielen.

Mich zieht es im Sommer deswegen immer wieder durch die Innenstadt von Graz. Im Vergleich zu anderen Städten ist sie doch relativ klein, bietet allerdings dadurch die Möglichkeit, einfach mal durch die Stadt zu schlendern und sich den visuellen und auditiven Eindrücken aus der Umwelt hinzugeben. Ob man sich entlang der Herrengasse, oder auch in die Querstraßen wie die Hans-Sachs-Gasse oder die Sporgasse abbiegt, überall bekommt verschiedene Musik geboten.

Deswegen freut es mich auch immer wieder, wenn es am Lend wirbelt, also der Lendwirbel stattfindet.

Begonnen am Griesplatz, entlang der gesamten Griesgasse und seinen Querwegen, bis hin zum Lendplatz sieht man nicht nur verschiedenste Interpreten, welche ihr musikalisches Können zu besten geben, sondern auch individuelle Künstler, die unterschiedlichste Formen von Kunst präsentieren.

Mich bewegte es aus zeittechnischen Gründen leider erst ab Freitagabend durch den Lendwirbel. Zur Aftershowparty des Freitags erreichte ich noch rechtzeitig das Wakuum in der Griesgasse. Hier zeigten Snap Dazed, Coy und A Walk in a Park, weswegen sie als – eigentlich – Headliner des Festivals im Club den Freitag beendeten. Alles tanzte und bebte. Man traf auf verschiedenste Leute. Von Heavy Metal Fans, über Rocker bis hin zu Hippies alles. Schon früh zeigte sich, was der Lendwirbel für Graz und die Menschen bedeutet: Ein gemeinsames miteinander ohne Ausgrenzung.

Nachdem es mich am Freitag bis hin zum Samstagmorgen in den Clubs und Bars hielt, da einfach überall entlang des Lend eine unglaubliche Stimmung herrschte, machte ich mich am Samstag gegen frühen Nachmittag auf zum Lend.

Ein kurzer Regenschauer sorgte dafür, dass die Open Air Bühne des Griesplatzes, mit einer zeitlichen Verschiebung, an das andere Ende des Lends in das Lendhaus verlegt wurde. Wie sich später herausstellen sollte, leider zum Nachteil der Bands, da manche Besucher von außerhalb den Ort leider nicht angefunden haben.

So machte ich das, was ich im Sommer eben so liebe: Ich schlenderte durch den Lend und gönnte mir eine extra Portion Musik.

Kevin Etheridge
Kevin Etheridge

Den Anfang machte für Kevin Etheridge, welcher die letzten Monate mit einem VW Bus durch Australien reiste und nun mit selbigen eine Reise durch Europa gestartet hat. Man kann in seinen Liedern hören, was er auf seinen Reisen erlebte und fühlte. Schließt man die Augen, sieht man vor sich einen Strand, das Meer und ein Lagerfeuer, an welchem er seine Lieder spielt und die Leute, die dazu tanzen. Sollte man ihn irgendwo begegnen, kann auch jederzeit von seinen atemberaubenden Geschichten gelauscht werden. Aufgeschlossen, so wie das insgeheime Motto des Lendwirbel.

Weiter ging es danach mit der bezaubernd emotionalen, unaussprechlichen Andtheelderflowerfaintedbecauseofthetonic (Ja, das gehört zusammengeschrieben). Man verlor sich schnell in ihrer Stimme und ihren unglaublichen tief gehenden Liedern. Sie hatte, obwohl sie stets gesessen ist, eine unglaubliche Bühnenpräsenz. Ihre Blicke und ihre Stimme wirkten, als würde sie jedes Lied mit vollen Emotionen singen. Mit Gefühlen, die sich irgendwo tief im Herz und der Seele versteckt hielten.

Andtheelderflowerfaintedbecauseofthetonic
Andtheelderflowerfaintedbecauseofthetonic

Zu Auflockerung folgte dann Erwin R., der Veranstalter der Konzertreihe „Dialekt schmeckt“, bei welcher immer wieder Interpreten und Bands auftreten, welche ihre Lieder im Dialekt schreiben und darbieten. So auch Erwin R., der diesmal mit Band aufgetreten war. Seine Lieder sind vorsichtig kritisch und unterhaltsam. Ein Reggae zum chillen, mit poppigen Einschnitt der Lust auf Leb’n macht.

Unterbrochen wurde dieser von Vento Sul. Vento Sul ist ein Gruppe aus Percussions die quer durch den Lendwirbel zogen. Zuvor kamen sie bereits zufällig bei dem Auftritt von Kevin Etheridge vorbei, als sie unterwegs zu ihrem Startort am Lendplatz waren, und legten dort einen spontanen Jam mit ihm ein. Bei Erwin R. passte es genau, dass sie zwischen seinen Liedern mit ihren Rhythmusgruppen und tanzfreudigen Anhängern vorbeigezogen sind, von denen sich ein paar noch länger bei dem Auftritt von Erwin R. aufhielten.

Vento Sul
Vento Sul auf dem Weg durch den Lend

Danach zog es mich zum Lendhaus, wo die Mighty Maggots gerade zu spielen begonnen hatten. Feinster Ska Punk aus dem grazer Raum. Es waren um die 40 Leute bei ihrem Auftritt und es wären bestimmt noch mehr gewesen, wenn die Location nicht 30 Minuten vor Beginn verlegt werden hätte müssen. Mit ihrem Brass in der Kombination mit Punk Rock sind sie in Graz wohl beinahe Einzelgänger, da es nur wenige Bands mit einem solchen Stil gibt. (Im Vergleich zu Metalbands)

Darauf folgten im Lendhaus Stroppy Kitten, welche trotz eines kurzfristigen Ausfalls ihrer Bassistin die Halle aufmischten. Feinster KatzenPunkRock von ein paar Kätzchen, die ihre Krallen ausfahren und einen brachial genialen Sound ablieferten. Ich vermisste schon lange eine Band, die noch richtig geil klassischen Punk Rock macht und doch originel wirkt, ohne einen Einfluss durch Computer oder aufwändigen Instrumenten zu haben. 2x Gitarre, 1x Drums und 1x Bass (welcher, wie erwähnt, leider ausfiel). Mehr braucht man nicht um überzeugen zu können. Auch wenn es nach dem fetten 3 Akkorden Ramones Punk Rock wirkt, sind Stroppy Kitten offensichtlich gute MusikerInnen, was bestimmt niemand leugnen würde, der sich die Band bereits angesehen hat. Sie punkten nicht nur mit Musik, sondern auch mit unglaublicher Sympathie.

Sympathisch war auch der letzte Act, welchen ich im Lendhaus bewunderte. Betty Poison. Extra für diesen Auftritt aus Berlin angereist. Schnell merkte man, was diese Band auszeichnete. Sinnlichkeit oder Sensibilität sind wohl die besten Wörter, um diese Band zu beschreiben. Eine große Portion an Emotionen gemischt mit einem wunderbar derben Sound sorgt für eine atemberaubende Harmonie. Es war nicht nur eine akustische Besonderheit, sondern war es auch Gold für die Augen. Das Zusammenspiel zwischen ihrem Auftreten, den Liedern und der Location war einfach unbeschreiblich.

Betty Poison
Betty Poison

Auf meinem Weg zur Aftershowparty des Samstags im Wakuum, kehrte ich bei einem Imbissstand am Lend ein und traf dort auf eine zweiköpfige Band, von welcher ich den Namen leider nicht erfahren habe. //Falls ihn wer weiß, gebt mir bitte Bescheid// Ich will nicht viel zu ihnen sagen, aber wenn ein Lucha Libre Gitarre spielt, weiß man, dass da etwas abgeht.

Lucha Libre Metal Band am Lendplatz
Lucha Libre Metal Band am Lendplatz

Im Wakuum angekommen, bereiteten sich gerade die aus zwei Personen bestehenden Atlanteans auf ihren Auftritt vor. Er war sehr… kreativ. Definitiv was ganz Besonderes. Etwas Besonderes mit einem unglaublich guten Schlagzeuger und einem Gitarristen, dessen Effektgeräte eine künstliche Intelligenz bildeten. Nach dem ersten Lied war man noch geschockt, doch beim zweiten bereits über die musikalische Leistung sehr erstaunt. Wenn man die Hände und Füße eines Drummers nicht mehr richtig wahrnehmen kann, da dieser in einem abartig schnellen Tempo extrem präzise spielt, stockt einem einfach der Atem.

Nach diesem kreativen Musikprojekt kam eine kurze Umbauphase um die Stage auf die zwei bevorstehenden Rockbands vorzubereiten. Den Anfang machten Red Label Nights, die ihren ersten Auftritt seit mehr als einem halben Jahr absolvierten. Mit im Gepäck hatten sie nicht nur dreckig bluesige Rocklieder, sondern auch einen neuen Drummer. Dieser passte sich ideal in die Band ein und hat die erste Bewährungsprobe grandios überstanden. Spätestens beim zweiten Song gab es im komplett vollen Club keinen einzigen mehr, der noch saß. Alles tanzte und bewegte sich. Wer dachte, dass der Vorabend schon unglaublich und nicht zu toppen war, der hatte sich geirrt. Sie hämmerten ihre Lieder runter. Geredet wurde nicht viel, worüber sich Sänger David auch selbst lustig machte und meinte, dass sie lieber spielen da er nichts zum Sagen habe. Das braucht er auch nicht, schließlich bekommt man 120% Rock’n’Roll.

Contra Verse
Contra Verse

Den Abschluss des Abends und der Aftershowparty des Lendwirbels machten Contra Verse, welche gerade erst von ihrer UK-Tournee zurückgekommen waren. Es war für sie nicht nur eine Tournee, sondern sie sammelten auch viel neue Erfahrung und brachten neue Lieder mit zu ihrem Auftritt. Hard Rock feinster Klasse. Mit ihrer kleinen Tribüne, welche leuchtete und Nebel ausstoßen konnte, sorgten sie für ein Lichtspiel sondergleichen. Mit Nummern wie „Clock keeps ticking“ oder „Placed called home“ brachten sie das Publikum mit eingängigen Ohrwürmern spätestens bei dem zweiten Refrain zum mitsingen. Auch körperlich verausgabten sich die Jungs mit einer unglaublichen Performanz. Zum Abschluss und Zugabe gab es noch Covers von Billy Idol und ZZ Top, von welchen es wirklich schwer ist, eine gute Coverversion zu machen aber selbst hier haben sich die Jungs von Contra Verse bewiesen.

Das Ende des Lendwirbels stand bevor. Es wurde in vielen Clubs und Lokalen noch bis in die Morgenstunden gefeiert und wer früh nach Hause ging, oder noch unterwegs war, konnte sich am Sonntag bis zum Nachmittag noch kleinere künstlerische Veranstaltungen ansehen.

Fazit: Der grazer Lendwirbel ist wohl eines der besten Festivals die es gibt. Man bekommt ein unglaublich großes Angebot an Bands, Künstlern und Aktionen und das ganze bei freiem Eintritt.

Wer ihn 2015 verpasste, sollte sich 2016 vormerken, es nicht verpassen und regelmäßig die Seite www.lendwirbel.at auf Updates prüfen.

Wer 2015 dabei war für dem ist klar: Lendwirbel, wir sehen uns wieder!

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